Die deutsche Stahlindustrie steht unter gewaltigem Druck: 2025 lag die Rohstahlproduktion mit 34,1 Millionen Tonnen das vierte Jahr in Folge unterhalb von 40 Millionen Tonnen. Damit rutschte die Auslastung der Hüttenwerke in der Bundesrepublik zuletzt erstmals unter die kritische Marke von 70 Prozent.
Während die Lage für die deutschen Stahlhersteller alles andere als rosig ist, müssen sie gleichzeitig große Investitionen in emissionsarme Anlagen tätigen, um klimaneutral zu werden.
Der Rückgang hat mehrere Ursachen: Sowohl im In- als auch im Ausland ist die Nachfrage schwach, während es gleichzeitig weltweit enorme Überkapazitäten gibt, die auf die Preise und Margen drücken. Befördert wird dies nicht zuletzt durch Peking: Die chinesische Stahlindustrie – mit einer Produktion von rund einer Milliarde Tonnen Rohstahl im Jahr mit weitem Abstand weltweit führend – erhält massive staatliche Unterstützung. Im Median kamen die chinesischen Stahlproduzenten 2024 in den Genuss von rund 15-mal so hohen Subventionen wie die entsprechenden Unternehmen in den OECD-Staaten. Hinzu kommt eine aktive Währungsmanipulation, die chinesische Exporte künstlich verbilligt.
Alte Anlagen müssen rentabel weiterlaufen, um klimafreundliche Anlagen finanzieren zu können
Während die Lage für die deutschen Stahlhersteller also alles andere als rosig ist, findet gleichzeitig eine globale Transformation statt. Um CO2-neutral zu werden, müssen die deutschen Stahlunternehmen große Investitionen in emissionsarme Anlagen tätigen. Dabei spielt auch der Preis für CO2-Zertifikate im Rahmen des europäischen Emissionshandels eine entscheidende Rolle: Er muss einerseits hoch genug sein, damit sich kapitalintensive Investitionen in klimafreundliche Verfahren zur Stahlproduktion überhaupt lohnen. Andererseits darf er aber auch die bestehenden konventionellen Anlagen nicht so stark unter Druck setzen, dass sie schließen müssen, bevor eine Umstellung überhaupt möglich ist. Die alten Anlagen müssen also rentabel weiterlaufen, um die Finanzierung klimafreundlicher neuer Anlagen stemmen zu können.
Erschwerend hinzu kommt, dass es in der Stahlindustrie vielfach an klimafreundlichen Alternativen mangelt. Wasserstoff steht in Deutschland bislang weder in der nötigen Größenordnung noch zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung. Auch die Technologien zur Abscheidung und zum Transport von CO2 sind noch nicht in der notwendigen Breite etabliert. Das hat Folgen: Weltweit kommt annähernd die Hälfte der angekündigten Green-Steel-Projekte nicht über die Planungsphase hinaus.
Es gibt gute Gründe, all diese Herausforderungen anzugehen, damit die heimische Stahlproduktion die Transformation bewältigen kann:
- Rund 605.000 Arbeitsplätze hängen in Deutschland unmittelbar von der Stahlindustrie ab, entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind rund 5,5 Millionen heimische Arbeitsplätze mit ihr verbunden.
- Für die sicherheitspolitischen Ziele Deutschlands ist eine heimische Stahlproduktion zentral, zumal einmal stillgelegte Anlagen nicht kurzfristig ersetzt werden können.
- In Zeiten unsicherer Lieferketten und unberechenbarer Geopolitik liefert eine lokale Produktion Verlässlichkeit und Qualität.
- Die deutsche Stahlindustrie ist mit vielen Branchen enger verflochten als andere energieintensive Industriezweige.
Die heimischen Stahlunternehmen lieferten im Jahr 2023 wertmäßig mehr Vorprodukte an die deutschen Hersteller von Metallerzeugnissen, die Automobilindustrie und die Hersteller von Maschinen als der Durchschnitt der übrigen energieintensiven Branchen.
Insgesamt fertigte die Stahlindustrie in Deutschland im Jahr 2023 Vorleistungsprodukte im Wert von mehr als 80 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte der Produktion geht ins Ausland: Im Jahr 2024 führten die heimischen Stahlunternehmen fast 21 Millionen Tonnen Rohstahl aus, damit landet die Bundesrepublik auf Platz vier der weltweit größten Stahlexporteure. Das Gros der Exportlieferungen geht in die EU.
Im Jahr 2023 verkauften die deutschen Stahlhersteller Vorleistungsprodukte für nahezu 22,5 Milliarden Euro in andere EU-Staaten, die Exporte in Drittstaaten beliefen sich auf rund 8 Milliarden Euro.
Damit die deutschen Stahlhersteller den Weg zur Klimaneutralität mitgehen können, sollten die zur Verfügung stehenden Mittel – zum Beispiel aus dem Klima- und Transformationsfonds – auch konsequent für die Industrietransformation genutzt werden. Außerdem braucht es einen besseren Marktschutz vor unfairen Wettbewerbsverzerrungen aus Drittstaaten wie China und eine Weiterentwicklung des CO2-Grenzausgleichssystems, dem Klimaschutzinstrument der EU. Es soll dafür sorgen, dass für Importwaren die gleichen Emissionspreise anfallen wie für Produkte, die innerhalb der EU hergestellt werden.
Quelle: iwd